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pogromnachtMit keinem anderen Tag sind die Narben und die Risse in der deutschen Geschichte tiefer verbunden als mit dem neunten November. Nicht ohne Grund, wird dieser auch häufig als Schicksalstag der Deutschen bezeichnet, der durchaus auch freudige Momente kennt, allerdings auch in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte reicht. Dieser Tag der zwischen der Gründung der Weimarer Republik, der Reichspogromnacht und dem Mauerfall zahlreiche Momente der deutschen Geschichte vereint, ist allerdings kein Feiertag, sondern ein Tag zum Gedenken, ein Tag an dem wir etwas Demut zeigen sollten, ein Tag an dem wir die Verbrechen der Vergangenheit betrauern und in eine hoffnungsvollere Zukunft schauen wollen.

Die Novemberrevolution
Nach den grauen des ersten Weltkriegs, nach den Abnutzungsschlachten in der Hölle von Verdun, war dieser Krieg nicht mehr zu gewinnen, das Meutern der Matrosen, die sich nicht in eine letzte sinnlose Schlacht werfen lassen wollten, führte schließlich zur ersten freiheitlich-demokratischen Republik auf deutschen Boden. Ausgerufen vom SPD-Vorsitzenden Philipp Scheidemann. Eine Demokratie die mit viel Hoffnung geboren und es nie ganz einfach hatte und letztlich von der faschistischen Diktatur verschlungen wurde. Die Hoffnungen die wir mit einer Demokratie verbinden, sind an diesem neunten November genauso groß wie vor 99 Jahren, allerdings führt uns dieser Tag auch vor Augen wie zerbrechlich die Demokratie ist, wenn sie nicht gepflegt wird. Der neunte November zeigt auch, wie gefährlich es für eine Demokratie sein kann, wenn rechte Hetzer die Menschen in diesem Land gegeneinander ausspielen und das Gegeneinander statt dem Miteinander in den Vordergrund stellen. An diesem neunten November erhebt sich auch die Forderung, dass wir die Demokratie pflegen und verteidigen müssen.

Die Reichspogromnacht
Denn der dunkle Schatten, der in die Zeit des Nationalsozialismus fällt und mit der Reichspogromnacht seinen Vorläufigen Höhepunkt erlebte, fällt ebenso auf diesen neunten November. An welchem es überall in Deutschland organisierte Übergriffe der SS und SA auf die jüdische Bevölkerung, auf deren Eigentum und Lebensgrundlage gab. Eine Nacht in der etliche Synagogen den Flammen zum Opfer fielen, eine Nacht die den Beginn des größten Verbrechens in der Menschheitsgeschichte markiert. Eine Nacht, die wenn wir zurückblicken schon im Aussprechen ihres Namens das kalte kratzende fast lähmende Gefühl der Schuld, des Schmerzes und auch des Schreckens in uns auslöst. Ein Tag an dem alle Gesten, Worte und Gebete, diese Schuld nicht zu mildern wissen und auch nicht können. Ein Tag an dem die Schuld bleibt und nicht vergessen wird.

Der Mauerfall
Und dennoch markiert der neunte November auch den Tag an dem die erste friedliche Revolution vom deutschen Boden ausging und zwei Länder, die von der politischen Kultur unterschiedlicher nicht hätten sein könnten, wieder vereinten. Ein Ereignis, das durch Willy Brandt wohl am zutreffendsten beschrieben wurde.
„Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“

Willy Brandt in einem Hörfunkinterview in Berlin, 10. November 1989

Noch heute fühlt sich die ehemalige innerdeutsche Grenze manchmal wie eine Narbe an, die uns daran erinnert, dass dieses Land mal politisch gespalten war und manchmal gesellschaftlich immer noch gespalten ist. Der Ausspruch: „Wir sind das Volk“ war der Wunsch auf ein vereintes Deutschland mit demokratischen Grundsätzen, der Wunsch auf das dazuzugehören wollen, der Wunsch vom Miteinander.

Dieses Bild wird heute von diesen Menschen missbraucht, die in Dresden und anderswo auf die Straße gehen und dabei das Gegeneinander predigen, die auf die schwächsten in der Gesellschaft hinabschauen und ihnen jedes Recht auf individuelle Selbstbestimmung nehmen möchten. Der politisch, gesellschaftliche Anspruch von „Wir sind das Volk“ wird somit ins Gegenteil verkehrt und das Erbe der friedlichen Revolution beschmutzt.

Wir Jusos Magdeburg begehen diesen Tag, in Demut, tiefer Schuld und der Hoffnung, dass die Schrecken der Geschichte hinter uns liegen und in der Zukunft keinen Platz mehr haben werden.